‚frei.wild‘ „Rechtsrock“ oder „nur“ rechter Rock?

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Da es auf meiner Facebookseite derzeit ziemlich hoch hergeht (über 150 Kommentare und 5000 Ansichten) und vielen Menschen, auch gerade solche die nicht in Freiburg wohnen, viel diskutieren über frei.wild, will ich hier nochmal einige Dinge klarstellen. Ich habe inzwischen, den sehr differenzierten und aufschlußreichen Artikel von Thorsten Hindrichs, Dozent an der Universität Mainz, gelesen.

Thorsten Hindrichs kommt darin zum Schluß, dass es sich bei frei.wild nicht um „Rechtsrock“ handelt sondern um eine „rechte Rockband“: “

„Zwar repräsentiert Frei.Wild reaktionäre Konzepte von Heimat, Volk und Patriotismus und in manchen Songtexten lassen sich — wie gezeigt — auch geschichtsrelativierende Aspekte sowie mit Blick auf die Shoah einzig als unanständig zu bezeichnende Formulierungen finden, doch von einem geschlossen rechtsextremen Weltbild lässt sich bei Frei.Wild sicher nicht sprechen.“

Ich würde jetzt Songtexte und Musikstil so zusammenfassen: frei.wild bedient bewußt in seiner Musik an sehr rechte Positionen anschlußfähige Themen und Aussagen. Dazu passt etwa ein die „reaktionär zu nennende Konzepte von Heimat, Volk und Patriotismus ebenso wie (…) geschichtsrelativierende Aspekte sowie mit Blick auf die Shoah wenigstens als unanständig zu bezeichnende Formulierungen“ . Aber genau den entscheidenden Sprung, wo aus diesen Formulierungen und Texten Rechtsrock wird, genau den vermeiden sie.

Hindrichs erläutert daneben, auch das Frauenbild der Gruppe:

„Insgesamt wird bereits über die Texte (später dann auch über die Inszenierungen der jeweiligen Bands) ein ausgesprochen konservatives, beinahe schon archaisch-reaktionäres Männerbild konstruiert, bei dem dementsprechend thematisch natürlich auch Feiern, Saufen und ›Mal-die-Sau-rauslassen‹ nicht fehlen dürfen. Frauen wiederum kommen nur sehr selten und wenn, dann als gleichermaßen reduzierte Konstruktionen vor, nämlich entweder als mütterlich sorgende, treue Gefährtin (die dann sehnsuchtsvoll liebend angeschmachtet wird) oder als Objekt der Begierde, das sich wahlweise er- bzw. hingibt oder aber zur Bedrohung wird. Kurz: Hinsichtlich des Frauenbilds wird in der ›neuen‹ Deutschrockszene in aller Regel der uralte Topos der heiligen Hure bemüht.”

Und er erklärt auch, wie sich der Heimatbegriff von frei.wild etwa zu dem von anderer Volkstümlicher Deutscher Musik (die gute alte Volksmusik) unterscheidet. Bei denen das Thema Heimat ja auch viel vorkommt und positiv besetzt wird:

„in der volkstümlichen Musikszene im Großen und Ganzen ein vergleichsweise unspezifischer Sehnsuchtsort (vgl.Höfig 2000), der, (…) v ausgesprochen häufig mit dem Aspekt des Heimwehs verschränkt wird, (…) ‚Andere‘ hingegen sind höchst selten eine Bedrohung, geschweige denn, dass diese, wenn überhaupt, konkretisiert würden; ›wir gegen die‹-Konstruktionen sind in den Narrativen der volkstümlichen Musik so gut wie nicht zu finden. Gleiches gilt für all jene Fälle, in denen in deutschsprachiger Popmusik (…) in keinem Fall wird mit ›wir gegen die‹-Konstruktionen gearbeitet, geschweige denn, dass ›andere‹ als Bedrohung etabliert würden, gegen die die jeweilige Heimat zu verteidigen wäre.“

Kurzum frei.wild ist eigentlich eine Band mit populistischen Texten im Sinne üblichen wissenschaftlichen Populismusdefinition. Kleiner Exkurs: In der Regel geht es beim Populismus gegen „die-da-oben“, die „das (wahre, gute) Volk“ verraten und gegen die man kämpfen muss. Daneben noch Moralisierung und Anti-Elitarismus, Anti-Intellektualismus, Antipolitik, Institutionenfeindlichkeit. All dies kann man mehr oder weniger in den Songtexten von frei.wild finden:

„Damit wird zugleich eine ›wir gegen die‹-Konstruktion etabliert, die nicht mehr zwischen ›wir‹ Südtiroler Patrioten und ›ihr‹ »Vollidioten« unterscheidet, sondern die in der ›neuen‹ Deutschrockszene weit verbreitete ›wir einfachen Leute‹ gegen ›die da oben‹-Opposition aktualisiert. Diese Erweiterung  macht den ›Heimatbegriff‹ von Frei.Wild nicht nur für Nicht-Südtiroler auf ihr je eigenes Leben übertragbar, sondern ist ganz schlicht als Populismus zu lesen: »Populismus vereinfacht [und] konstruiert einen direkten Gegensatz zwischen einem als homogen konstruierten ›Volk‹ und dem Establishment«.“

Um es hier mal provokant zu formulieren: frei.wild macht den Soundtrack für die AfD Wählern. Nicht zu krass, nicht zu rechts, aber offen nach rechts hin, rechtspopulistisch.

Vor diesem Hintergrund bleibe ich bei der Forderung aus meinem Brief. So ein Konzert passt nicht nach Freiburg. 

Wahrscheinlich muß die Stadt Freiburg, bzw. die FWTM das Konzert in der Messe zulassen, da sie als öffentlicher Vermieter an jede Gruppe vermieten muß, wenn sie die Kapazität hat. Das bedeutet aber nicht, das man nicht dagegen protestieren darf oder das gut finden muß.


Alle Zitate sind aus: Heimattreue Patrioten und das „Land der Vollidioten“ – Frei.Wild und die ’neue‘ Deutschrockszene, in: Typisch deutsch? (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land, hrsg. v. Dietrich Helms und Thomas Phleps, Bielefeld: transcript 2014 (= Beiträge zur Popularmusikforschung 41), S. 153-183. http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2016/12133/pdf/Popularmusikforschung41_09_Hindrichs.pdf

 

 

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