Wie verteilen sich die Freiburger Listen? Eine Berechnung mit DW Nominate

Anhand der Antworten aus dem Kommunal-O-Mat der Landeszentrale und der Abfrage der Positionen des Chilli Magazins hat ein Bekannter von mir, der als Politikwissenschaftler arbeitet mit der Methode DW Nominate die relative ideologische Entfernungen der Freiburger Kommunalwahllisten durchgerechnet.

Zwei Achsen: eine horizontale Achse die sich gut mit den Antworten zu Geld ausgeben erklären lässt und eine vertikale Achse, die sich gut mit den Antworten zu Stadtwachstum, Verkehr und kultureller Offenheit erklären lässt. Wer drauf klickt bekommt die Grafik in Groß.

Als Fixpunkt, den die Methode benötigt hat Thomas Metz eine Partei, ganz nach rechts gesetzt: Die Freiburger AfD. Wenn man dann über die Antworten der Listen dieses nominale Verfahren laufen lässt arrangieren sich alle anderen Parteien auf eine fast schon traditionellen Rechts-Links-Skala. Darauf erscheinen Listen die Fragen nach mehr Geld ausgeben eher mit Ja beantworten weiter links und solche die eher Sparen wollen weiter rechts.

Bei allen diesen Fragen gibt es eine mehr oder weniger senkrechte Linie. Rechts finden sich die Listen die für weniger Steuern und weniger Umverteilung sind, links die Listen die für mehr Geld Ausgeben und tendenziell höhre Steuern sind.

Nun gibt es aber noch eine zweite Dimension: Hier sehen wir weiter unten Parteien, die eine „utopisch-öko-progressive Großstadt“ Vorstellung von Freiburg haben. Sie beantworten Fragen nach kostenlosem ÖPNV, Sperrzeit Abschaffen mit Ja. Weiter oben stehen Parteien und Gruppen die eher traditionelle, konservative und bewahrende Vorstellungen von Stadt haben und solche Fragen, wie etwa auch die nach Wachstum oder einem weiteren neuen Stadtteil mit Nein beantworten.

Sehr klar lässt sich diese Trennung zwischen nach vertikalen Unterschieden ablesen an den Thesen:
↕️ KOM 24 Freiburg braucht eine Moschee mit Minarett
↕️ KOM 14 Anwerberprogramm
↕️ KOM 11 ÖPNV WE kostenlos
↕️ KOM 29 neue Stadtteile
↕️ KOM 22 Sperrstunde

Horizontale Unterschiede finden sich eher bei diesen Thesen
↔️ KOM 1 Mietpreis Stopp
↔️ KOM 3 kostenlose Kitas
↔️ KOM 7 Blitzer
↔️ KOM 9 Sprachkurse
↔️ KOM 10 weniger Steuern
↔️ KOM 12 Schuldenabbau
↔️ Chilli 10 mehr Parkplätze

Sonst gibt es eine Reihe von Thesen die verlaufen, die habe ich nich zur Bennenung herangezogen.

Weiterhin kann man von der Grafik ablesen welche Gruppen nah aneinander liegen, etwa GAF und Linke Liste oder das Bürger für Freiburg zwischen FDP und CDU liegt. Das bei Steuerfragen etwa die FDP, FW, Für Freiburg und Freiburg Lebenswert auf einer Linie liegen, während die Positionen im linken Spektrum vonz zahlreichen Listen vertreten werden. Aber es lässt sich auch sehen wie Groß die Distanz der AfD zu allen anderen Listen ist.

Daneben sieht man eine Art konservative Linie aus Bürger für Freiburg, FDP, FWV, FF und FL die sich alleine durch die die Wachstums und Großstadt Orientierung unterscheidet. Daher wer Sparen mit Großstadt will, der sollte Bürger für Freiburg wählen, wer Sparen mit traditioneller Stadt haben will, der sollte halt FL wählen.

Was bringt das ganze?

Wir haben das aus verschiedenen Gründen gemacht:

Kommunalpolitik wird in der Politikwissenschaft deutlich zu selten erforscht und untersucht. Daher wollten wir die Methode DW-Nominate auf Kommunalpolitische Fragestellungen anwenden können und ob sich damit sinnvolle Ergebnisse erziehlen lassen. Wir wollten auch zeigen, was man mit offenen Daten, daher mit den Antworten der auf Kommunal-O-Mat und Chilli Umfrage noch machen lässt, außer diese einfach darzustellen oder in einen Wahl-O-Mat zu verwenden. Bisher wurde die Methode DW Nominate auch nur für Abstimmungen in Parlamenten verwendet und eben nicht für Antworten bei Wahl-O-Maten, auch das ist eine Neuheit.

Daneben können wir Ähnlichkeiten zwischen Listen aufzeigen, was ja auch für Wähler die wissen möchten, welche Listen kompativle Policy Positionen unterhalten hilfreich sein kann. Und sicherlich finden auch Wähler*innen die sich noch nicht entschieden haben, so eine Übersicht sinnvoll.

Hier die Plots als PDF mit allen Parteien und ohne „die Partei“ und NICHTS:

Wo stößt diese Methode an ihre Grenzen?

Antworten der Listen auf Wahl-O-Mat Fragen können Strategisch gewählt sein: Daher auf die bestimmte Frage antworte ich mit Ja, weil ich glaube, dass diese Antwort populär ist und mir Stimmen bringt, während ich plane anders abzustimmen. Oder sich später im Gemeinderat eine Fragestellung ergibt, die sich anders darstellt. Daneben sind Wahl-O-Mat Fragen prospektiv: Sie beziehen sich auf die Zukunft, deren Bedingungen sich ändern können. Die Datengrundlage ist gering, nur rund 51 Abstimmungen und nicht hunderte wie im US Kongress über eine gesammte Legislaturperiode.

Zur Methdode

DW Nominate ist ursprünglich ein Tool um die ideologischen Position von Amerikanischen Abgeordneten und Senatoren anhand ihrer Abstimmungen zu bestimmen. Es rechnet aus der Zustimmung oder Ablehnung für Abstimmungen eine Position in einem Zweidimensionalen Raum.

Hier eine Übersicht des amerikanischen Senats aus Voteview, der Webanwendung von DW Nominate. Schwarz markiert ist Bernie Sanders, noch weiter links als er gibt es durchaus weitere Senatoren, etwa Elisatbeth Warren.

Dabei steht DW-NOMINATE für dynamic, weighted Nominal Three-Step Estimation, also eine dynamische, gerichtete nominelle Drei-Schritte Abschätzung.

NOMINATE berechnet Abstimmungswerte, das Verfahren hatte einen enormen Einfluß auf die Untersuchung des Absstimmungsverhaltens im Amerikanischen Kongress. Dabei verwenden sie sogennate Idealpunkte: Idealpunkte können durch die Beobachtung von Entscheidungen hergestellt werden, wobei Personen, die ähnliche Präferenzen aufweisen, enger gestellt werden als solche, die sich unähnlich verhalten.

Es ist hilfreich, dieses Verfahren mit der Erstellung von Landkarten zu vergleichen, die etwa eine Fahrstrecken zwischen Städten darstellen:

Zum Beispiel ist Berlin rund 800 km von Freiburg entfernt. Freiburg ist 350 km von München entfernt und Berlin ungefähr 560 km von München. Davon ausgehend sollte eine Distanz Karte nun Freiburg in der Mitte München und am anderen Ende Berlin zeigen. Und so wie man auf einer ähnlichen Karte nun Freiburg und Lörrach bündeln würde, zeigt NOMINATE ideologisch ähnliche Listen wie etwa die Linke Liste und die Kulturliste oder die GAF und Junges Freiburg näher beieinander und weiter weg von z.B. der CDU, basierend auf dem Grad der Übereinstimmung zwischen ihren Antworten im Kandidat-O-Mat und den Chilli FRagen. Das Herzstück des NOMINATE-Verfahrens sind Algorithmen, die Listen und ihre Antworten in einem niedrigdimensionalen (meist zweidimensionalen) Raum anordnen.

So liefern die NOMINATE-Scores „Landkarten“ der ideologischen Verortung. Daneben lassen sich aus vergangenen Abstimmungen Ergebenisse für die Zukunft vorraussagen, daher Voteview oder DW Nominate kann auch die Wahrscheinlichkeit eines Ja oder Nein vorhersagen.

DW Nominate Berechnung der Zustimmung des Senats zur Ernennung von NELSON A. ROCKEFELLER als Vizepräsident 1974.

Keith Poole und Howard Rosenthal – die Erfinder des Verfahrens – zeigen, für den amerikanischen Kongress, dass trotz der vielen Komplexitäten der Politik – die Abstimmung sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat durch nicht mehr als zwei Dimensionen im Laufe der amerikanischen Geschichte organisiert und erklärt werden können. Die erste Dimension (horizontal oder x-Achse) ist das bekannte links-rechts (oder liberal-konservative) Spektrum in wirtschaftlichen Fragen. Die zweite Dimension (vertikal oder y-Achse) nimmt Einstellungen zu Querschnittsfragen, den wichtigsten Themen der Epoche zu denen Sklaverei, Bimetallismus, Bürgerrechte, regionale und soziale Fragen gehörten oder gehören auf.

DW-NOMINATE-Berechnungen werden allgemein verwendet, um die politische Ideologie von Akteuren, politischen Parteien und politischen Institutionen zu beschreiben Zum Beispiel bedeutet eine Lage in der ersten Dimension, die nahe an einem der beiden Pole liegt, dass diese Liste oder Partei an einem der Extreme der liberal-konservativen Skala liegt.

Kommunal-O-Mat als Datengrundlage

Nun gibt es für den Gemeinderat in Freiburg keine individuellen Abstimmunsergebnisse – noch nicht – daher haben wir die Antworten der Listen bei Kommunal-O-Mat und Chilli, als quasi Abstimmungen genommen. Schließlich machen sie Angaben über die Art und Weise wie sie in Zukunft abstimmen werden. Und wir haben individuelle Abgeordnete oder Senatoren durch aggregierte Listen ersetzt, auch wenn uns klar ist, das es sich bei den Antworten im Wahl-O-Mat um ein idealisiertes Abstimmungsverhalten handelt. Einzelne Gemeinderäte könnten ja von der Fraktions- oder Parteilinie aus Gründen auch abweichen.

Im Gegensatz zu Untersuchungen im US Kongress waren nur rund 51 Datenpunkte aus dem Kommunal-O-Mat der Landeszentrale und den Antworten der „20 Fragen an 17“ Listen aus dem Chilli Magazin verfügbar.

Dabei hat Thomas Metz noch doppelten Fragen herausgenommen.

  • Freiburg soll auch nach dem Bau von Dietenbach weiter wachsen. (Chili Frage 2)
  • Freiburg darf im nächsten Doppelhaushalt keine neuen Schulden machen. Wir werden dazu beitragen. (Chili 5)
  • Freiburg braucht eine neue Eishalle, und auch wenn die 30 Millionen Euro kosten würde, sind wir für den Bau. (Chili 6)
  • Das Theater Freiburg verschlingt im Vergleich zum Nutzen für die breite Bevölkerung zu viele Zuschüsse. (Chili 13)
  • Freiburg soll die Sperrstunde für Discos und Clubs abschaffen (Chili 14)
  • Wir werden uns noch in dieser Legislaturperiode beim Land für gebührenfreie Kitas stark machen. (Chili 17)
  • Freiburg braucht keine neuen Übernachtungsrekorde. Die Förderung des Tourismus soll nicht weiter ausgebaut werden. (Chili 20)
  • Mehr Tempo-30-Zonen im Stadtgebiet! (KOM 4)
  • In Freiburg sollen verkaufsoffene Sonntage eingeführt werden. (KOM 31)

Ebenfalls weg sind, Chili 7 und Chili 9 haben die Parteien alle gleich geantwortet oder sich enthalten, daher kann man die nicht auswerten.

  • Die SC-Frauen wollen vom Mösle an die Schwarzwaldstraße umziehen. Wir sind dafür. (Chili 7)
  • Die Stadtteile St. Georgen und Kappel müssen an das Straßenbahnnetz angeschlossen werden. (Chili 9)

Als Fixpunkt, den die Methode benötigt hat Thomas Metz eine Partei, ganz nach rechts gesetzt: die AfD. Wenn man dann über die Antworten der Listen dieses Nominale Verfahren laufen lässt arrangieren sich alle anderen Parteien auf eine eher traditionelle Rechts-Links-Skala.

Weitere Informationen


Hier die gesammten Plots:

Oben die Antworten aus dem Kommunal-O-Mat und unten die aus dem Chilli Magazin. Drauf klicken und man sieht es groß.

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