Archive for the ‘Sebastian Müller’ Category

Einsichten in einen Shitstorm

1. November 2018

IMG_3804Am Freitag Abend um 22:07 stellte ich auf Facebook einen Aufruf für eine Kundgebung am darauf folgenden Montag um 18:30 online. Das war eine empörte Reaktion auf zwei Aufrufe der AfD. Der erste Aufruf erfolgte ohne Details um 17:33, den sah ich vor dem Sport, den zweiten direkt von Stephan Räpple als ich gegen 20:30 vom crossfitt heim kam. Ich versuche mal den Hergang der Ereignisse schön darzustellen.

Shitstorm.003

Die AfD rief übrigens nicht schon am Mittwoch zur Demonstration auf, als die erste Pressemitteilung der Polizei bekannt wurde, sondern erst als sie die zweite Pressemitteilung der Polizei bzw. den Artikel der Bild Zeitung kannten, aus dem hervorging, das es sieben Syrer waren.

Im Interview mit der Badischen Zeitung habe ich versucht es darzulegen:

„Ich bin seit längerer Zeit entsetzt darüber, dass immer wenn eine Frau vergewaltigt oder ermordet wird, das sofort politisch ausgeschlachtet wird. Diese Straftaten werden zur Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer genutzt.

Ich habe den Eindruck, dass die Menschen, die das tun, für solche Fälle nicht nur schon eine Strategie parat haben, sondern sogar schon die Vorlage für das Share-Pic auf dem Rechner liegen haben. Sie wissen genau, was die Trigger sind, und sie haben die Leute im Netz zusammen, die diese Sachen verbreiten. Das finde ich sehr zynisch. Da geht es nicht um das, was der Frau passiert ist. Es geht darum, einen Erregungszustand zu erzeugen oder aufrecht zu erhalten, der für ein politisches Geschäftsmodell gebraucht wird.“

Für mich war es ein doppeltes zum Opfer machen der Frau: Das erste Mal durch die Tat an sich und das zweite Mal durch das Ausnutzen der Wut und Erregung über die Tat. Das wollte ich nicht hinnehmen.

Gleichzeitig war es mir wichtig und wurde für mich auch im Laufe des Nachdenkens immer wichtiger, das ich auch ein Zeichen gegen die Tat, also gegen die Sexuelle Gewalt setze, die Frauen angetan wird. Und ich wollte eine Kundgebung, eher keine Demonstration, an der alle Menschen teilnehmen können. Bewußt sollte es keine Demo gegen die AfD oder gegen Rechts sein, wie immer wieder falsch unterstellt wurde von geigneten Kreisen.

Auch Menschen die auf eine AfD Demo gehen, haben das Recht zu demonstrieren, sie sind genauso Grundrechtsträger wie wir. Deswegen wollte ich auch keine Aktion bei der die AfD Demo blockiert wird oder auch das Demonstrationsrecht der AfD von der Polizei durchgesetzt werden muß.

Aber weiter zum Shitstorm. Der Begann so richtig als mich am Samstag Morgen der Chefredakteur der Jungen Freiheit retweetete und dann das rechte Blog philosophia perennis einen Text verfasste, in dem der Aufruf so verdreht wird, das ich zu einer Demo gegen Rechts aufgerufen hätte.

Shitstorm.002

David Berger von PP fügte dann noch den zynischen Hinweis unter seinem Artikel hinzu: „Wir haben hier seinen Aufruf verlinkt, um unseren Text nachprüfbar zu gestalten u. bitten beim Kommentieren höflich zu bleiben! Der Politiker scheint ohnehin durch die zu 99% negativen Reaktionen auf seine Aktion sehr überfordert zu sein.

David Berger war übrigens mal Theologie Professor, ist habilitiert und durfte dann wegen seines Outing nicht mehr weiter arbeiten.

IMG_3869 copy

Tatsächlich war ich vom Shitorkan am Samstag morgen überfordert, an moderieren außerhalb von löschen, war nicht mehr zu denken. Die meisten Kommentare ware auch beleidigend, teilweise enthielten sie auch vaage Drohungen. Auch einige Freunde die spontan beim moderieren mithalfen, konnten sich dieser Flut kaum entgegenstellen. Bewußt entschied ich mich jedoch dazu beide Posts online zu lassen, zum einen weil sich die üblen Kommentare dort bündelten und so ein Überschwappen auf andere Einträge oder gar mein Privatesprofil zu vermeiden.

Das wurde erst besser als am Morgen des Sonntag die Leute von #ichbinhier eingriffen und wir auch Strategietipps von ihnen bekamen.

IMG_3836 copy

(more…)

Advertisements

Katrin Simon auf Kundgebung: wir müßen über sexualisierte Gewalt und problematische Geschlechterrbilder sprechen

31. Oktober 2018

Am Montag habe ich zu einer Kundgebung auf den Platz der alten Synagoge aufgerufen: „Ich bin für den Schutz von Frauen (und Männern) gegen jede Art des sexualisierten Gewalt oder Übergriffs“, aber auch gegen den Versuch das Opfer ein zweites mal zu mißbrauchen für die politischen Anliegen einer Partei. Über 300 Menschen folgten diesem Aufruf, insgesammt habe an diesem Tag über 1500 Menschen demonstriert.

Auf der Kundgebung sprachen Oberbürgermeister Martin Horn, Julia Söhne (SPD), Caro Jenkner (CDU), die Frauenbeauftragte der Stadt Freiburg Simone Thomas und Dr. Katrin Simon, Akademische Rätin am Orientalisches Seminar der Albert-Ludwigs-Universität und Mitglied der Freiburger Grünen.

Um über den Shitorkan und vieles andere zu schreiben, brauche ich hier noch ein Zeit, aber ich will hier die Ansprache von Kathrin Simon dokumentieren, da sie mir selbst viele Zusammenhänge aufgezeigt hat.

Zum Nachhören bei Radio Dreyeckland.

WhatsApp Image 2018-10-29 at 20.54.14

Links Dr. Katrin Simon auf der Kundgebung am 29.10.2018 auf dem Platz der alten Synagoge. Rechts Sebastian Müller. Foto: Fion Große

„Ein schreckliches Verbrechen ist geschehen. Ein junge Frau wurde von mindestens acht Männern sexuell missbraucht.

Die Täter waren nach allem, was wir wissen, mehrheitlich Geflüchtete aus Syrien. Spielt das eine Rolle? Ich bin Islamwissenschaftlerin und möchte versuchen, mich der Frage zu nähern, die auch in meinem Umfeld, das sich politisch in der Mitte bis links sieht, aufgekommen ist: Hat all das auch irgendwas – ganz pauschal – mit ‚dem‘ Islam zu tun?

Nun ist es so, dass der Islam auch nicht mehr ist als die Summe seiner Interpretationen. Es gibt liberale u. progressive Muslime, Konservative u. Islamisten.

Doch zunächst möchte ich mit einem Vorwurf beginnen, einem Vorwurf, der uns, die wir hier stehen, von der anderen Seite, von AfD und co, gemacht wird: Wir würden die Tat verharmlosen oder gar rechtfertigen, weil es nicht in unser Weltbild passe, dass Muslime solche Taten begehen. Wir seien unglaubwürdig, wenn wir gegen sexualisierte Gewalt demonstrieren und gleichzeitig nicht gegen diese Täter u. instrumentalisierten das Opfer.

Instrumentalisieren tun wir die Tat alle auf gewisse Weise, finde ich. Ja, auch wir hier. Statt uns auf die Frage nach sexualisierter Gewalt u. das Opfer zu konzentrieren, betreiben wir hier zum Teil unseren Lieblingssport: Die AfD niederschreien. Verständlich, aber nicht immer konstruktiv.

Nun ist es ein Fakt, dass die junge Frau von Geflüchteten vergewaltigt wurde. War das absehbar, wie die AfD es in ihrem Demonstrationsaufruf suggeriert hat? Dass sie davor gewarnt hätten und als Nazis beschimpft worden wären – dass es ja klar war, dass es so kommen würde? Warum klar? Weil alle Muslime bzw. Araber Vergewaltiger sind?

Und hier sind wir beim Schwachpunkt der rechten Argumentation, denn in letzter Konsequenz betreibt die Rechte hier einen Entlastungsdiskurs mit ihren rassistischen Zuschreibungen. Wenn alle Muslime/Araber eben Vergewaltiger SIND, weil es irgendwie in ihren Genen liegt: Dann kann man sie als Individuen gar nicht für die Tat verantwortlich machen, dann waren sie eben instinktgetrieben. Implizit wird damit außerdem noch ein Gegensatz konstruiert: Hier die von Geburt an zum Vergewaltiger bestimmten Muslime/Araber, dort wir aufgeklärten, emanzipierten weißen Europäer – manchmal sagt es viel über uns selbst aus, wie wir über andere reden.

Fakt ist allerdings, dass diese Täter ganz individuell eine moralische Entscheidung getroffen haben. Jeder für sich hat beschlossen, diese junge Frau sexuell zu missbrauchen. Jeder von ihnen hätte nein sagen, hätte gehen, hätte Hilfe holen können. Da sie individuell gehandelt haben und nicht als Kollektiv, ist eine kollektive Schuldzuschreibung sinnlos. Rassismus wäre solche eine kollektive Schuldzuschreibung, welche nicht nur die Täter in gewisser Weise aus ihrer individuellen Verantwortung entließe, sondern auch keinen Dialog mehr zuließe. Wenn ‚die‘ ‚so‘ sind: dann kann man da nichts dran ändern. (more…)

PaxCounter Basteln und Anleitung

11. Oktober 2018

Danke nochmal an die ganzen Teilnehmenden und Helfenden die beim PaxCounter Workshop in der Lokhalle anwesend waren.

Unser Test PaxCounter an der Haltestelle Berliner Alle hat vom 10.10.2018 21:30:33 bis zum 11.10.2018 5:49:33 morgen mit einer 10.000 Ah Powerbank und eingeschaltetem Display Daten gefunkt. Als ein erster Test ist das mal ganz gut. Die Daten sind hier verfügbar. Als CSV und können dann auch ausgewertet werden.

Jetzt muß man noch herausfinden wie das Verhältniss zwischen angzeigten Geräten und Personen vor Ort ist. Es kann ja jemand mit Smartphone mit augeschaltetem WLAN warten oder eine Person die zwei Smparthones dabei hat (eins fürs Geschäft und ein privates). Das müßte mal jemand zählen. Auch die Reichweite des Gerätes kennen wir noch nicht und auch die bedarf noch einiger Experimente.

Die Anleitung zum Nachbauen gibt es auch hier als PDF.

 

Ähnlichkeiten zwischen Gauland, Hitler und Michael Seeman

10. Oktober 2018

Welche Ähnlichkeiten lassen sich in dem Gastbeitrag von Alexander Gauland in der FAZ (Fremde Federn: Warum muss es Populismus sein?), der Rede von Adolf Hitler in 10. November 1933 im Dynamowerk in Berlin-Siemensstadt finden und dem Gastbeitrag „Eine andere Welt ist möglich – aber als Drohung“ von Michael Seemann finden?

Nachdem am 9.10.18 der Tagesspiegel berichtete, das es zwischen beiden Texten Parallelen gibt und auch den Gastbeitrag von Wolfgang Benz (Historikers) abdruckte:

„Trotz der auffälligen Übereinstimmung von Argumentation und Diktion handelt es sich aus formal-juristischen Gründen wohl nicht um ein Plagiat. Denn nicht der Wortlaut stimmt überein, sondern „nur“ die vorgetragene Ideologie.
Doch Gaulands Text ist ganz offensichtlich eng an den Hitlers angeschmiegt. Es handelt sich um eine Paraphrase, die so wirkt, als habe sich der AfD-Chef den Redetext des Führers von 1933 auf den Schreibtisch gelegt, als er seinen Gastbeitrag für die „FAZ“ schrieb.“

Nun wäre es ja spannend ob man mithilfe des Tools, welches uns im Workshop „Machine Learning“ von https://thingsthinking.net/ vorgestellt wurde zu untersuchen. Eigentlich sind die Tools gedacht um große Datenmengen zu vergleichen und daraus immer wieder kehrende Informationen zu entnehmen.

Etwa bei einer Supermarktkette die hunderte von Mietverträgen hat und diese nun alle in das System hineinwirft um für alle Mietverträge Daten wie Parkplätze, Vertragstrafen, Quadratmeter zu erhalten und in einer Tabelle darzustellen. Klar könnte da auch stets ein Person alles durchlesen, nur so geht es viel schneller.

Die Firma hat mit ihrer Analyse des Koalitionsvertrages „SPD hat sich durchgesetzt“ für Aufsehen gesorgt, bei den Politikwissenschaften gab es einen Workshop zum Thema „Machine Learning“ und was passt da mehr als mit dieser Methode die Ähnlichkeit zwischen Gauland und Hecke zu untersuchen.

Zur Analyse:

Den Gauland Text gibt es hinter der Paywall bei FAZ online. Daher rauskopieren, in ein docx umformen. Die Hitler Rede gibt es bei Filmarchives online. Beide Texte bereitet man dann so auf, das sie als reiner Text, ohne Links, Seitenzahlen und sonstige Formatierungen vorliegen.

Für den gesamten Text gibt das System einen Match von 19.94% zwischen Hitler Rede und Gauland Gastbeitrag.

scs1jpeg

Aber zu einigen speziellen Textstellen, die das System anmarkiert:

Hier kan man nun auf die Texte klicken und findet dann den Match im anderen Text:
Das Bild is so zu verstehen: In Weiß steht die Hitler Rede und in Gelb bzw. durchgestrichen die Texte aus der Gauland Rede. Jetzt sind die Sätze hier nicht identisch, dennoch sagt das semantische Modell das dahinter steht eine gewisse Übereinstimmung.

Das System gibt dann eine Übereinstimmung von 77.46%, wobei hier die Prozentzahl als ein synthetischer Wert zu verstehen ist und auch das Machine Learning nicht auf Rechtspopulistische Codes trainiert wurde und etwa bekannte Codes für plumpe Antisemitische Aussagen nicht kennt. Die müßte man ihm als „Wissen“ im Hintergrund hinterlegen. (more…)

Hundert Tage Horn

8. Oktober 2018

Am 2.10. schrieb ich eine E-Mail mit Fragen zu den ersten 100 Tagen der Amtszeit von Martin Horn an die Pressestelle der Stadt. Darauf hin rief mich die Pressestelle zurück und bot mir an zur Pressekonferenz zu kommen. Jetzt verstehe ich dieses Blog nicht notwendigerweise als ein journalistisches Angebot, durchaus kann man das aber. Deshalb war ich von der Einladung überrascht und überlegte mir ob ich überhaupt hingehen sollte.

sbamueller_2018-Oct-08

Martin Horn kam herein, trug einen Anzug ohne Krawatte und am Revers einen kleinen Freiburg Pin. Irgendwie muß oder will er damit wohl seinen Lokalpatriotismus visuell telegraphieren, machen US Präsidenten ja auch gerne. Neben ihm saßen seine persönliche Referentin, sein Social Media Dame und weitere. Und natürlich die Lokalpresse. Die Badische Zeitung kam gleich mich zwei Redakteuren begleitet von zwei Schülerpraktikanten, Radio Dreieckland auch zu zweit. Auch neue Entdeckungen der Freiburger Medienlandschaft kann man da machen, etwa das „Konzepte-Online – Unabhängig!!„, Webangebot. Ob sich ein Klick wirklich lohnt, muß der Leser*in entscheiden (sie lesen ja auch das hier).

Auf so einer Pressekonferenz spielt dann auch jeder so seine Rolle. Martin Horn etwa versucht glaubhaft, die des Politikers darzustellen der in 100 Tagen schon etwas geleistet hat. Die Jungs von RDL kleiden ihre Forderungen nach Absetzung von Baubürgermeister, Bauamtsleiter und Stadtbauchef in eine Frage, die Badische Zeitung und andere regionale Medien geben sich kritisch. Und wenn es dann problematisch wird versucht Martin Horn einfach mitten in der Antwort das Thema zu wechseln und wird charmant. Die Frau von „Konzepte-Online – Unabhängig!!“ erzählt was von Flüchtlingen und das sie die Nachbarin von Dieter Salomon sei, woraufhin Martin Horn ihr aufträgt doch einen Gruß zu sagen.

Inhalt statt Atmo, Sebi!

Kommen wir aber zu den Inhalten des 100 Tage Programms, das er den Wähler*innen versprochen hatte:

Und bewerten wir das ganze mal mit den Kategorien:
✅ für erledigt (dreimal),
🎈 Luftnummer (fünfmal) oder
📆 terminiert (dreimal)

  • „Entscheidung über den zukünftigen Kurs der Freiburger Stadtbau“, zumindest hat die Anordung Mieterhöhungen auszusetzen dafür gesorgt, dass das ganze Thema Stadtbau im November in den Gemeinderat kommt: 📆
  • „Konsequente Umsetzung des 50% Beschlusses“, soweit ich weiß wurden keine neuen Bebauungspläne im Gemeinderat entschieden. Konkret wurde es also nicht. Dementsprechend spricht die Pressemitteilung auch: „Politische Unterstützung für die konsequente Umsetzung des Gemeinderatsbeschlusses“. Mehr 🎈 Luftnummer

(more…)