Der falsche Prophet

Die Freiburger 5G Gegner behaupten, sie argumentierten mit wissenschaftlichen Fakten über die Gefahren von „Mobilfunkstrahlung“, die verwendeten Studien haben jedoch im besten Falle methodische Mängel, im schlimmsten Fall sind sie zurückgezogen, stammen von Forschern mit zweifelhaftem Ruf oder waren nicht reproduzierbar.

Schon der von den Gegner verwendete Begriff „Mobilfunkstrahlung“ ist ein geschicktes Framing, erinnert er ja mehr an Radioaktive Strahlung als an Funkwellen oder Radiowellen.

In den vergangenen Wochen war ich bei zwei Veranstaltungen des „Aktionsbündnis Freiburg 5G-frei“, beide male hatten sie den Stuttgarter Mobilfunkritiker Peter Hensinger eingeladen.

Peter Hensinger hat nach einem Studium der Germanistik und Pädagogik und Ausbildung zum Drucker in der Psychiatrie gearbeitet und ist Mitglied im Vorstand von Diagnose-Funk e.V und des Stuttgarter BUND.

Beide Male war der Saal voll, das Publikum würde ich als gut situierte, ältere Menschen beschreiben, darunter viele Gesichter, die man schon aus anderen Freiburger Verhinderungsbürgerinitativen (Stadion, Dietenbach) kennt. Es waren aber auch viele Menschen an der Veranstaltung, die die vorgebrachten Argumente kritisch sahen.

Peter Hensinger hat inzwischen dem Chaos Computer Club Freiburg seine Präsentation mit 150 Folien zur Verfügung gestellt. Die Aufforderung an beiden Abenden lautete nicht alles zu glauben was einem Industrie und Politik erzählen. Das habe ich mir zu Herzen genommen und versucht die Aussagen im Vortrag und insbesondere die wissenschaftlichen Quellen einer eigenen kritischen Bewertung zu unterziehen. Bekannte aus dem CCC in Freiburg und Freunde bis nach Italien haben mir geholfen. Daraus entstand dann ein sogenannter Twitter thread.

Auch in meinem Blog ist kein Platz alle 150 Folien im Detail zu besprechen und ich habe dazu auch nicht die Zeit. Ich möchte aber einige zentrale Aussagen kritisch hinterfragen.

Der Vortrag begann mit der Schilderung der sogenannten „Funkerkrankheit“ und bereits der Name dient als Hinweis, dass Funkstrahlen gefährlich sein sollen. An dieser Funkerkrankheit litten in West- und Ostdeutschland tausende ehemaliger Soldaten, die Radaranlagen, also nicht Funkgeräte, bei laufendem Betrieb reparieren mußten.

Zitat aus der wikipedia: „Zahlreiche Radargeräte waren so konstruiert, dass Wartungs- und Justierarbeiten an der Radareinheit nur bei geöffnetem Gerät im laufenden Betrieb möglich waren. Dazu gehörte unter anderem das NASARR-Bordradar des Kampfflugzeugs F-104 Starfighter.[8] Daher waren die Techniker den Röntgenstrahlung erzeugenden Teilen direkt und häufig ohne jeden Schutz über Stunden ausgesetzt, was sich über Jahre zu einer extrem hohen Gesamtbelastung addierte. In Einzelfällen, speziell bei dem Radargerät SGR-103 der Marine, lag die Strahlenbelastung bei bis zu ca. 400 mSv/h. Diese Strahlung war so hoch, dass der zulässige Jahresgrenzwert für eine beruflich exponierte Person (gemäß Röntgenverordnung) bereits nach 3 Minuten überschritten sein konnte.“

In aktuellen Radaranlagen werden keine Röhren mehr verbaut, sondern Transistoren. Es entsteht dabei eben genau keine ionisierende Röntgenstrahlung. Auch sonst lassen sich die eingesetzte Energie nicht vergleichen. Daher ist schon diese Verknüpfung hinfällig.

Dann fängt Peter Hensinger an drei Studien (Rimbachstudie, Nailaer Studie und Selbitz Studie) zu nennen, die zeigen sollen das unspezifische Beschwerden und auch Krebs durch die Nähe von Mobilfunkanlagen erzeugt werden. Publiziert wurden diese Studien jeweils Zeitschrift Umwelt – Medizin – Gesellschaft“, wenn man jetzt in einschlägigen Portalen zu Verschwörungstheorien nachschaut, dann findet man Spanndes zu den wirtschaftlichen Verflechtungen der Herausgeber, darunter sind zahlreiche Vereine die klingen wie große Ärztegruppen, etwa Deutsche Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie e.V., aber in Wahrheit von Mobilfunkgegner betriebene kleine Vereinigungen sind und eben nicht wie die Namen suggerieren, Fachgesellschaften, deren Vorsitzende teilweise seltsame wissenschaftliche Thesen verbreiten. Es findet sich darin etwa auch Werbung von Leuten die Chemtrails glauben.

Die vielleicht noch haltbarste Studie ist dann die „Belo Horizonte Studie“, aus der man ableiten kann: Je näher ich am Handymast wohne, desto gefährdeter bin ich an Krebs zu sterben. Das klingt zunächst plausibel und alarmierend, aber googelt man aber die Studie in einschlägigen Portalen für wissenschaftliche Studien, wie Researchgate nach, dann kann man auch die Zitationsstellen finden an denen sich andere Publikationen mit ihr beschäftigen und dann findet man eine Reihe von kritischen Beschreibungen:

„Other methods typically estimate exposure at the home address as a proxy of personal exposure. Simple methods such as the distance between nearby transmitters and the home address as a proxy of personal exposure to RF-EMF (Blettner et al., 2009; Dode et al., 2011; Eskander et al., 2012) are insufficiently accurate“

(Quelle)

Oder auch „[ The study in (Dode et al 2011) might have been impacted by pro-cancer effects“ bzw. „… The conclusion of a pro-cancer effect in (Dode et al 2011) is unreliable because it is dominantly determined by the balance between over-estimation and under-estimation (issues A,B,C). This does not exclude the possibility of a procancer effect having taken place in Belo Horizonte during the period of the study, but such effect is not reliably reflected in the study.“

Quelle

Dann folgen weitere Hinweise auf Studien. Leider sind die entweder zurückgezogen Shahbazi/Karbalea oder nicht Reproduzierbar, wie die Reflex-Studie oder stammen von Forschern, die schon an anderer Stelle der Fälschung überführt wurden.

Ich habe an dieses Vorgehen an einer Reihe weiterer Stellen gefunden, aber ich denke sie haben ein Muster erkannt.

Springen wir wir also zu Peter Hensinger Schlußfolgerung: „Wenn diese Forschungsergebnisse stimmen, dann müssten Krebserkrankungen auch schon längst angestiegen sein!“ Und tatsächlich kann Hensinger eine Reihe von Grafiken aus Krebsregistern zeigen die auf einen Anstieg der Krebsraten hinweisen. Allerdings ohne auf die Hintergründe und Ursachen einzugehen. Und wie wir alle wissen ist Korrelation keine Kausation. Oder bloß weil ich gleichzeitig Störche und Babys sehe, heißt es nicht, dass die Störche die Babys bringen.

Gut aber das Peter Hensinger das von der RWTH Aachen betriebene EMF Portal vorgestellt hat, wo man leicht Links zu solchen Studien findet.

„Causes of increasing cancer prevalence in Sweden (…) The prevalence of cancer in Sweden has increased greatly during the past 30 years. 40–47% of the observed increase can be explained by population dynamics, and 30% by better survival. Hence, only 23–29% is attributable to risk increase.“

Quelle

Kurzum, es gibt also Wissenschaftler, die die Zunahme bestätigen, ⅓ aber mit demographischen Wandel begründen, ⅓ mit dem besseren Überleben der Krebspatienten und nur für ⅓ der Zunahme keine Erklärung haben. Wenn man dann weitersucht, findet man eine Reihe von Studien die über Gründe spekulieren (erhöhte UV Strahlung, bessere Diagnose, mehr Untersuchungen mit ionisierender Strahlung)

Hier könnte man es bestehen lassen. Das Thema Risiken durch Elektromagnetische Felder oder „Mobilfunkstrahlung“ wäre zu Ende und man könnte über Lösungen oder ähnliches sprechen.

Der Hensinger Vortrag bleibt hier jedoch nicht stehen sondern führt auf, dass Swiss Re etwa 5G als ein „Emerging Risk“ klassifiziere. Wenn man dann nach forscht ob das stimmt, kommt man darauf Swiss Re, dies als ein Phantomrisiko bezeichnet. Aufschlußreich die Interview Antwort dazu:

„EMF gilt bei uns seit mehr als 20 Jahren als Phantomrisiko. Ein Phantomrisiko ist eine Risiko, vor dem sich die Menschen fürchten, obwohl es dafür noch keine eindeutigen Studien gibt, welche eine objektive Gefährdung beschreiben. Ein Paradebeispiel war und ist EMF. Für die Versicherungen spielen in der Regel die Verbindung von Ursache und Wirkung eine entscheidende Rolle. Bei den Phantomrisiken kann es aber sein, dass Menschen auf Grund ihrer Furcht tatsächlich Symptome entwickeln, welche zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen und vor allem im amerikanischen Kontext als entschädigungswürdig betrachtet werden.“

Quelle des Interviews

So geht es dann weiter und im Rest des Vortrags wird dann noch vor Autonomen Fahren gewarnt (Klimakiller), Elektroautos: Lithium Gewinnung ganz schlimm, obwohl etwa die Darstellung aus der ZDF Doku umstritten ist.

Folien aus dem Vortrag

Und auch vor den Gefahren des WLAN, um dann als Alternative die Intelligente Mobilfunkversorgung in St. Gallen, basierend auf Femto Zellen vorzustellen, die außen am Haus angebracht, nicht nach innen „strahlen“ würden. Recherchiert man, findet man heraus, das es sich in Wirklichkeit um ein offenes WLAN Netz handelt, zur Versorgung öffentlicher Plätze, und da macht es eben Sinn die Basisstation außen am Haus anzubringen. Übrigens ein öffentliches WLAN ist genau das was die Freiburger 5G Gegner auch nicht wollen!

Schlußfolgerungen

Ich könnte hier im Artikel noch mehr logische Lücken, Sprünge in der Argumentation oder ähnliches darstellen, aber ich denke es reicht um ein Muster deutlich zu machen: Die Gegner von 5G führen immer an, dass sie lediglich wissenschaftliche Fakten vortragen, das auch nicht-ionisierende Strahlung weit unterhalb der Grenzwerte zu biologischen Schäden und bis zum Krebs führen kann. Bei näherem Hinsehen ist ihre Argumentation aber nicht haltbar. Was nicht passt lassen sie weg, sie stellen die Ergebnisse von Studien einseitig da und verknüpfen Dinge die nicht zusammen gehören.

Beim Recherchen über die angeführten Experten fällt häufig ins Auge, dass diese Teils auch auf anderen Bereichen wissenschaftlich nicht haltbare Thesen über Krankheiten und Heilmittel vertreten.

Die angeführten Publikationen sind in der Regel nicht Peer-reviewed oder anerkannte wissenschaftliche Fachjournale, sondern werden von Homöopathen, Heilpraktikern oder schlicht von ihnen selbst betrieben.

Das alles wäre nicht so schlimm, wenn die aufgeregte Diskussion um denkbare Schäden, nicht von anderen Umweltgefahren wie etwa der Luftverschmutzung durch Autoverkehr oder Rauchen ablenken würde oder die notwendige kritische Auseinandersetzung mit digitalen Medien im Schulunterricht schlicht unmöglich machen.

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3 Antworten to “Der falsche Prophet”

  1. Bärenschokolade Says:

    upsi
    test

  2. Björn - the ONE & ONLY Says:

    nachdem ich eine Stunde Kommentar formuliert habe und das https:// vor meiner Webseite unvollständig war und dar ganze Kommentar dann verloren – sorry – dat mach ich nicht noch einmal

    und Dein Blog ist teils schräg, trifft nicht den Kern unserer Bewegung und Beweggründe, benutzt sehr vage Vergleiche und ich fühle mich in meinen ernsten und belegbaren Gründen Teil von https://Freiburg.5G-Frei.de zu sein lächerlich gemacht und damit Deinen Blog für mich und mindestens einige verantwortungsbewusste Menschen in https://Freiburg.5G-Frei.de
    als unzutreffend und recht ordentlich daneben.

    Ich bitte Dich unsere Gemeinsamkeiten hervorzuheben und dort gemeinsam etwas Konstruktives in unserer Gemeinde zu schaffen. Diese Übereinstimmungen gibt es sicher. Da können wir dann Hilfe brauchen und nehmen sie gerne an.

    Alles was richtung Verschwörer, Phantasten oder Angstmache geht, weise ich weit von mir, denn das ist nicht mein Anliegen und auch nicht das meiner Mitmenschen in unserer Gruppe. Es geht um Vorsorge, Aufklärung und Basisinformationen, von denen einige bei Dir scheinbar noch garnicht angekommen sind.

    Viele liebe Grüße
    Björn – the ONE & ONLY

    • sbamueller Says:

      1. Wenn sie schon so lange formulieren: warum nicht diese Beiträge im Open Office oder Word schreiben, da hat man auch eine Rechtschreibkorrektur und dann hier posten.
      2. der Link geht nicht.
      3. in welchen Punkten fühlen sie sich Löcher gemacht?
      4. welche Gemeinsamkeiten sollen wir haben oder hervorheben?

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